Ich habe ein etwas kompliziertes Verhältnis zu Widmungen in Büchern. Einerseits finde ich sie wunderschön. Andererseits gibt es Bücher, bei denen ich denke: Da kann ich doch jetzt nicht reinschreiben. Das Papier. Die Gestaltung. Diese vollkommen unberührte erste Seite. Und dann soll ich da mit einem Stift mitten rein? Schwierig. Dabei mag ich es sehr, alte Bücher aufzuschlagen und darin Handschriften zu finden. Einen Namen. Ein Datum. Ein paar Sätze in einem Buch aus dem Antiquariat, von einem Menschen, den ich überhaupt nicht kenne. Plötzlich hat dieses Buch eine Geschichte, die mit seinem eigentlichen Text gar nichts zu tun hat. Oder ihn reicher macht.
Ich würde nicht einfach nur „Alles Liebe“ hineinschreiben
Wenn ich mich schon überwinde und in ein Buch schreibe, dann möchte ich gern festhalten, warum genau dieses Buch bei genau diesem Menschen gelandet ist. Vielleicht: Ich habe es gesehen und sofort an dich gedacht. Aber noch schöner finde ich, wenn dahinter etwas Konkretes steht. Weil wir über dieses Thema gesprochen haben. Weil die Geschichte an einem Ort spielt, den wir beide kennen. Weil ich dieses Buch selbst einmal gelesen habe und seitdem wusste, dass ich es dir irgendwann geben möchte. Weil mich eine Figur an dich erinnert. Oder: Ich habe es in diesem kleinen Buchladen gefunden, als wir gerade über dich gesprochen haben. Damit schreibt man nicht nur eine Widmung ins Buch. Man bewahrt ein kleines Stück seiner Vorgeschichte auf.
Vielleicht gehört eine Erinnerung hinein
Besonders schön finde ich es, wenn ein Buch schon etwas mit zwei Menschen erlebt hat. Vielleicht schenkt man ein Buch, aus dem man sich früher gegenseitig vorgelesen hat. Einen Gedichtband, weil darin dieses eine Gedicht steht, das einmal wichtig war. Ein Buch über einen Ort, an dem man gemeinsam gewesen ist. Dann könnte genau das in der Widmung stehen. Nicht möglichst bedeutungsschwer. Sondern konkret. Weißt du noch? Das reicht manchmal schon als Anfang. Denn wahrscheinlich erinnert man sich in zehn oder zwanzig Jahren nicht mehr an jedes Detail. Aber man schlägt das Buch auf, sieht eine vertraute Handschrift und plötzlich ist da wieder etwas. Ein Ort. Ein Gespräch. Ein Nachmittag. Vielleicht sogar eine frühere Version von einem selbst.
Ein guter Wunsch darf natürlich auch hinein
Eine Widmung muss keine kleine Familienchronik werden. Manchmal möchte man jemandem mit einem Buch etwas wünschen. Mut. Neugier. Viele Reisen. Ein ruhiges neues Jahr. Mehr Zeit zum Lesen. Oder schlicht: Ich hoffe, dieses Buch macht dir genauso viel Freude wie mir. Ich mag Wünsche besonders dann, wenn sie zum Buch und zum Menschen passen. Nicht die größtmögliche Weisheit für die kommenden vierzig Lebensjahre. Nur ein Satz, der zu diesem Moment gehört.
Und bitte: ein Datum
Wenn ich eine Sache empfehlen würde, dann diese: Schreibt ein Datum dazu. Mindestens das Jahr. Noch lieber Monat und Jahr oder das vollständige Datum. In dem Moment wirkt das vielleicht vollkommen überflüssig. Natürlich weiß man, wann man dieses Buch verschenkt hat. Zehn Jahre später sieht die Sache anders aus. Dann wird aus „Für dich, alles Liebe“ plötzlich: Weihnachten 2026. Und auf einmal steht das Buch wieder an einem bestimmten Punkt im Leben. Ich würde übrigens auch mit der Hand schreiben. Nicht weil Handschrift grundsätzlich wertvoller wäre als gedruckter Text. Sondern weil sie etwas enthält, das kein perfekter Schriftsatz mitbringt: Da hat dieser Mensch gesessen und das für mich hineingeschrieben. Sogar die etwas schiefe Zeile gehört dann dazu.
Aber muss man überhaupt ins Buch schreiben?
Nein. Und manchmal würde ich es ausdrücklich nicht tun. Wenn ich nicht weiß, ob das Buch wirklich zum anderen Menschen passt, würde ich vielleicht lieber eine kleine Karte hineinlegen. Auch wenn ich weiß, dass jemand Bücher gern weitergibt, kann das die schönere Lösung sein. Dann kann die persönliche Nachricht beim Menschen bleiben und das Buch irgendwann weiterwandern. Das gefällt mir. Denn nicht jedes Buch muss für immer bei der Person bleiben, der wir es einmal geschenkt haben. Vielleicht lesen wir es. Vielleicht lieben wir es. Vielleicht stellen wir fest: überhaupt nicht meins. Dann darf es weiter. Eine Widmung kann aus einem Buch etwas sehr Persönliches machen. Das ist wunderschön, wenn genau das gewollt ist. Eine eingelegte Karte lässt ihm dagegen seine Freiheit. Beides kann richtig sein.
Vielleicht schreibt man nicht für heute hinein
Das ist wahrscheinlich das Schönste an Widmungen. In dem Moment, in dem wir sie schreiben, wissen wir noch nicht, wann sie wieder gelesen werden. Vielleicht nächste Woche. Vielleicht beim nächsten Umzug. Vielleicht zwanzig Jahre später, wenn das Buch längst in der zweiten Reihe eines Regals verschwunden war. Und dann steht dort plötzlich eine Handschrift, die man sofort erkennt. Ein Datum. Ein Satz. Ein kleiner Hinweis darauf, wer man damals füreinander war. Deshalb würde ich gar nicht versuchen, etwas besonders Kluges in ein Buch zu schreiben. Ich würde etwas hineinschreiben, das nur ich diesem Menschen in dieses Buch schreiben kann. Warum dieses Buch. Warum du. Warum jetzt. Ein Gefühl. Oder zwei. Den Rest darf die Zeit übernehmen.
Falls du noch vor der Widmung stehst und das Buch selbst fehlt: Wie ich Bücher als Geschenk aussuche – und warum ich dabei lieber vom Menschen als vom Bücherregal ausgehe –, habe ich hier aufgeschrieben. → zum Artikel
2 Kommentare
[…] Und wenn du ihm noch ein paar persönliche Worte mitgeben möchtest: „Was schreibt man in ein Buch, das man verschenkt?“ → zum Artikel […]
[…] Und wenn das richtige Buch gefunden ist, kommt die nächste Frage: Schreibt man hinein? Und wenn ja – was? Darüber habe ich in „Was schreibt man in ein Buch, das man verschenkt?“ weitergeschrieben. → zum Artikel […]