Ich verschenke gern Bücher. Allerdings finde ich Bücher gleichzeitig erstaunlich schwierig zu verschenken. Denn ein Buch ist nicht einfach ein Gegenstand, bei dem man ungefähr den Geschmack treffen muss. Man schenkt im Zweifelsfall mehrere Stunden Lebenszeit mit. Da möchte ich schon einigermaßen sicher sein, dass die Person diese Stunden freiwillig mit dem Buch verbringen möchte. Deshalb frage ich mich beim Aussuchen weniger: Welches Buch ist gerade gut? Sondern: Welches Buch könnte genau für diesen Menschen gut sein?
Zuerst: Liest dieser Mensch überhaupt?
Das klingt möglicherweise nach einer sehr grundlegenden Frage für jemanden, der ein Buch verschenken möchte. Ist es auch. Wenn jemand normalerweise keine Romane liest, werde ich ihn nicht mit 1.000 Seiten Fantasy verfolgen, nur weil ich persönlich der Meinung bin, dass diese 1.000 Seiten sein Leben bereichern würden. Menschen lesen unterschiedlich. Manche verschlingen dicke Romane. Andere mögen kurze Geschichten. Manche lesen fast ausschließlich Sachbücher. Andere Gedichte. Manche lesen im Urlaub fünf Bücher und den Rest des Jahres keines. Und manche möchten wirklich überhaupt kein Buch. Auch das soll vorkommen. Für mich beginnt ein gutes Buchgeschenk deshalb mit dem Menschen, nicht mit dem Bücherregal.
Ich suche nach einer Verbindung
Besonders gern verschenke ich Bücher, bei denen ich einen Grund habe, warum ausgerechnet dieses Buch zu diesemMenschen soll. Vielleicht spielt es an einem Ort, mit dem die Person etwas verbindet. Vielleicht interessiert sie sich gerade für ein bestimmtes Thema. Vielleicht erinnert mich eine Figur an sie. Vielleicht trägt die Hauptfigur ausgerechnet ihren ungewöhnlichen Namen. Vielleicht haben wir einmal über etwas gesprochen und Wochen später steht plötzlich ein Buch vor mir, bei dem ich denke: Ah. Das ist für dich. Das muss nicht bedeuten, dass das Buch die Lebenssituation eines Menschen möglichst exakt spiegeln soll. Ich würde jemandem mit Liebeskummer jedenfalls nicht automatisch ein Buch schenken, auf dessen Rückseite sinngemäß steht: Mit diesen sieben Schritten bist du endlich wieder glücklich. Manchmal möchte man nicht aus einem Gefühl herausoptimiert werden. Manchmal ist es viel schöner, eine Geschichte zu lesen, die irgendwo daneben sitzt.
Der eigene Geschmack ist dabei nur bedingt hilfreich
Ich lese zum Beispiel gern Fantasy. Viele Menschen in meinem Umfeld tun das nicht. Das ist bedauerlich, aber ich habe gelernt, damit zu leben. Also verschenke ich ihnen nicht vorsorglich Fantasyromane, damit sie endlich zur Vernunft kommen. Anders kann es aussehen, wenn ich eine konkrete Verbindung sehe: eine Geschichte greift einen Mythos auf, über den wir einmal gesprochen haben. Sie spielt an einem Ort, den die Person liebt. Oder sie berührt ein Thema, von dem ich ziemlich sicher weiß, dass es sie interessiert. Dann ist das Genre plötzlich gar nicht mehr das Wichtigste. Ich verschenke ohnehin gern Belletristik. Bei Sachbüchern bin ich vorsichtiger, weil darin schnell eine ungewollte Botschaft stecken kann. Ein Buch über Ordnung kann heißen: Das könnte dich interessieren. Es kann aber auch heißen: Ich habe deine Küche gesehen. Man sollte sich seiner Sache einigermaßen sicher sein.
Menschen, die viel lesen, sind übrigens nicht unbedingt einfacher
Bei leidenschaftlichen Leserinnen und Lesern gibt es ein anderes Problem: Sie kennen Bücher. Schlimmer noch: Sie besitzen welche. Möglicherweise genau das, das man gerade sehr zufrieden aus dem Regal gezogen hat. Dann hilft es, ihren Lesegeschmack ein bisschen zu kennen. Welche Autorinnen mögen sie? Welche Bücher haben sie in letzter Zeit erwähnt? Gibt es etwas, das sie gern lesen würden, aber noch nicht gekauft haben? Oder ich gehe bewusst weg vom naheliegenden Roman. Ein Gedichtband. Eine besonders schöne Ausgabe eines Klassikers. Ein kleines Buch, das man vielleicht selbst nicht entdeckt hätte. Ein antiquarisches Exemplar. Ein Buch, bei dem Papier, Typografie oder Gestaltung selbst einen Teil des Geschenks ausmachen. Ich mag Bücher auch als Gegenstände. Vielleicht verschenke ich sie deshalb besonders gern, wenn schon das In-die-Hand-Nehmen Freude macht.
Ein gebrauchtes Buch kann das persönlichere Geschenk sein
Ein Buch muss für mich auch nicht neu sein. Vielleicht finde ich antiquarisch genau die Ausgabe, die zu jemandem passt. Vielleicht entdecke ich ein Buch wieder, das mich selbst lange begleitet hat und von dem ich denke, dass es jetzt bei einem anderen Menschen besser aufgehoben wäre. Vielleicht gibt es eine alte Ausgabe mit einer Gestaltung, die viel schöner ist als die aktuelle. Der Wert eines Buchgeschenks hängt für mich nicht daran, ob die Folie noch drumherum ist. Manchmal macht gerade seine Geschichte das Geschenk interessant.
Je näher mir jemand ist, desto persönlicher darf das Buch werden
Natürlich würde ich nicht jedem Menschen dasselbe Buch schenken. Bei jemandem, den ich noch nicht besonders gut kenne, würde ich vermutlich vorsichtiger auswählen. Vielleicht etwas, von dem ich weiß, dass es zum genannten Interesse passt. Einen Bestseller, über den wir gesprochen haben. Ein schönes Kochbuch für jemanden, der gern kocht. Bei einem engen Menschen darf die Verbindung viel kleiner und merkwürdiger sein. Ein Ort. Ein Satz. Ein Name. Eine Erinnerung. Etwas, bei dem für Außenstehende überhaupt nicht erkennbar wäre, warum dieses Buch das richtige Geschenk ist. Aber wir wissen es. Und genau das mag ich daran.
Vielleicht schenkt man mit einem Buch auch ein bisschen Aufmerksamkeit
Natürlich kann man danebengreifen. Vielleicht gefällt das Buch am Ende überhaupt nicht. Ich finde, auch das darf sein. Ein Geschenk ist kein Lesevertrag. Im Zweifel darf ein Buch weiterwandern und bei jemand anderem landen. Aber wenn ich Bücher verschenke, möchte ich gern, dass schon in der Auswahl etwas steckt. Nicht nur: Ich habe dir ein Buch gekauft. Sondern: Ich kenne dich ein bisschen. Ich habe etwas gesehen. Und dabei musste ich an dich denken. Vielleicht ist das ohnehin eines meiner liebsten Dinge an Geschenken. Dass der eigentliche Wert manchmal schon vor dem Schenken entsteht. In diesem kurzen Moment, in dem man irgendwo steht, etwas sieht und weiß: Das ist für dich.
Und wenn das richtige Buch gefunden ist, kommt die nächste Frage: Schreibt man hinein? Und wenn ja – was? Darüber habe ich in „Was schreibt man in ein Buch, das man verschenkt?“ weitergeschrieben. → zum Artikel
Ein Kommentar
[…] Falls du gerade auf der anderen Seite stehst und ein Buch verschenken möchtest: Ich habe auch aufgeschrieben, warum ich Bücher gern sehr persönlich aussuche – und weshalb das richtige Buch für mich immer beim Menschen beginnt. → zum Artikel […]