Wenn das Leben nicht so aussieht, wie man es sich einmal vorgestellt hat 

Es gibt Tage, an denen das eigene Leben plötzlich besonders gut sichtbar wird. Geburtstage zum Beispiel. Hochzeiten. Familienfeste. Weihnachten und Ostern. Vielleicht auch der runde Geburtstag der Eltern, eine Einschulung oder irgendein anderer Anlass, bei dem erstaunlich viele Menschen gleichzeitig an einem Tisch sitzen und Familienfotos entstehen. An normalen Dienstagen kann man ziemlich zufrieden mit seinem Leben sein. Und dann kommt so ein Fest und hält einem für einen Moment ein Bild daneben. So hatte ich mir das irgendwann einmal vorgestellt. Und vielleicht sieht das eigene Leben anders aus. Das bedeutet nicht automatisch, dass es schlecht ist. 

Man kann ein gutes Leben haben und trotzdem etwas vermissen 

Vielleicht hat man keinen Partner, obwohl man sich einen gewünscht hätte. Vielleicht hat man einen Partner, aber keine Kinder. Vielleicht ein Kind, obwohl man sich mehrere vorgestellt hatte. Vielleicht gibt es die Familie, aber sie funktioniert vollkommen anders, als man einmal dachte. Menschen haben sich getrennt. Neue sind dazugekommen. Andere fehlen. Vielleicht lebt die Familie weit verstreut. Vielleicht sitzt man gern allein zu Hause – und findet es trotzdem manchmal schade, dass niemand anruft und fragt, wann man zum Essen kommt. Vielleicht liebt man sein heutiges Leben. Und trauert trotzdem um eine Vorstellung davon, wie es hätte sein können. Das ist kein Widerspruch, der dringend beseitigt werden müsste. Ein Leben muss nicht schlecht sein, damit darin etwas fehlen darf. 

Feste sind ziemlich gut darin, Vorstellungen mitzuliefern 

Das Schwierige an solchen Tagen ist vielleicht, dass wir nicht nur das Fest bekommen. Wir bekommen gleich ein Bild davon mitgeliefert, wie es aussehen sollte. Wer dort sein sollte. Wie viele Menschen um den Tisch sitzen. Wer neben wem steht. Wer Kinder hat. Wer jemanden mitbringt. Wie glücklich alle dabei aussehen. Das ist nicht nur Social Media. Diese Bilder sind viel älter. Sie stecken in Filmen, Werbung, Geschichten, Traditionen und wahrscheinlich in ziemlich vielen Familienalben. Und natürlich kann genau dieses Leben wunderschön sein. Das Problem beginnt erst dort, wo aus einer möglichen Form von Glück die Messlatte für alle anderen wird. 

Die anderen scheinen es irgendwie besser hinzubekommen 

Feste bieten außerdem hervorragendes Vergleichsmaterial. Da ist die Familie, die jedes Jahr gemeinsam verreist. Das Paar, das seinen zwanzigsten Hochzeitstag feiert. Die große Tafel mit ungefähr siebzehn Menschen, die offenbar alle freiwillig gekommen sind und sich auch noch mögen. Die Kinder. Die Enkel. Der perfekt gedeckte Tisch. Und das Foto davon. Man kann wissen, dass ein Foto nur einen Moment zeigt. Man kann wissen, dass in anderen Familien gestritten, geschwiegen, vermisst und genervt die Spülmaschine eingeräumt wird. Und trotzdem kann der Gedanke auftauchen: Warum habe ich das nicht? Oder noch unangenehmer: Was habe ich falsch gemacht? Dabei erzählt die Tatsache, dass ein Leben anders geworden ist als erträumt, noch lange nicht die Geschichte davon, wie gut jemand gelebt, geliebt oder sich bemüht hat. Manches lässt sich nicht herstellen, nur weil man es sich sehr gewünscht hat. 

Vielleicht trauert man manchmal um ein Leben, das es nie gab 

Ich finde, auch dafür darf Platz sein. Nicht nur für das, was wir tatsächlich verloren haben. Sondern auch für Möglichkeiten. Für das zweite Kind, das nicht kam. Für die Beziehung, die man gern gehabt hätte. Für die große Familie, die nie entstanden ist. Für Eltern, mit denen man gern eine andere Beziehung gehabt hätte. Für ein Zuhause, das man sich einmal anders vorgestellt hat.

Das Merkwürdige daran ist: Man kann um diese Dinge trauern und gleichzeitig sehr genau wissen, was am eigenen wirklichen Leben schön ist. Vielleicht sitzt man an einem kleineren Tisch als gedacht. Aber mit Menschen, die man wirklich gern dort hat. Vielleicht ist die Familie anders zusammengesetzt. Vielleicht gibt es Freunde, die längst Familie geworden sind. Vielleicht verbringt man einen Feiertag allein und genießt Teile davon sogar sehr. Das ersetzt nicht automatisch, was man vermisst. Es steht daneben. 

Das eigene Leben muss an einem Festtag keine Bilanz bestehen 

Vielleicht ist das der Druck, den man sich an solchen Tagen nehmen kann. Ein Geburtstag muss nicht beantworten, ob man bis zu diesem Alter weit genug gekommen ist. Eine Hochzeit im Freundeskreis nicht, ob man selbst die richtige Beziehung führt. Ein Familienfest nicht, ob die eigene Familie richtig aussieht. Und Weihnachten muss nicht beweisen, dass man ein glückliches Leben hat.

Es sind Tage. Besondere vielleicht. Schöne hoffentlich. Aber keine Prüfung. Man darf dort sitzen und denken: Ich mag mein Leben. Und gleichzeitig: Das hätte ich mir anders gewünscht. Vielleicht sogar: Ich bin glücklich. Und darüber bin ich traurig. Beides darf wahr sein. Das wirkliche Leben muss nicht schlechter werden, nur weil daneben noch ein unerfüllter Wunsch sitzt. Und vielleicht müssen wir ihn auch nicht jedes Mal vom Tisch schicken. Manchmal ist genau diese Gleichzeitigkeit das Schwierige: Dass zwei Gefühle nebeneinanderstehen, obwohl wir gern hätten, dass eines von ihnen endlich recht bekommt. 

Warum widersprüchliche Gefühle kein Widerspruch sein müssen, habe ich in „Man kann zwei Dinge gleichzeitig fühlen“ aufgeschrieben. [zum Artikel] 

2 Kommentare

  1. […] Warum gerade diese Tage nicht nur ein Gefühl vertragen müssen, habe ich in „Wenn das Leben nicht so aussieht, wie man es sich einmal vorgestellt hat“ aufgeschrieben. → [zum Artikel]  […]

  2. […] Über Familie, Feste und die Frage, warum das eigene Leben an solchen Tagen plötzlich neben einer erträumten Version von sich steht, habe ich in „Wenn das Leben nicht so aussieht, wie man es sich einmal vorgestellt hat“ weitergeschrieben. → zum Artikel […]

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