Ich finde, Bücher haben eine unangenehme Eigenschaft: Sie können ein schlechtes Gewissen entwickeln. Nicht von selbst natürlich. Das wäre noch schöner. Aber sobald vorne eine Widmung steht, jemand das Buch sehr sorgfältig für uns ausgesucht hat oder beim Überreichen gesagt hat: Das musst du unbedingt lesen. wird aus einem Buch plötzlich mehr als ein Buch. Und dann steht es Jahre später im Regal. Man hat es gelesen. Vielleicht sogar gern. Man wird es ziemlich sicher nie wieder lesen. Eigentlich könnte es weg. Aber: Das war doch ein Geschenk.
Ein Geschenk gehört dem Beschenkten
Eigentlich ist die Sache ziemlich eindeutig. Wenn ich jemandem ein Buch schenke, gehört es danach diesem Menschen. Er darf es lesen. Ins Regal stellen. Mit in die Badewanne nehmen – auch wenn ich das persönlich bei manchen Ausgaben für ein ernstes Fehlverhalten halte. Er darf es lieben. Er darf es nicht mögen. Und natürlich darf er es irgendwann weitergeben. Sonst hätte ich ihm kein Buch geschenkt, sondern eine lebenslange Aufbewahrungsverpflichtung. Trotzdem fühlt es sich manchmal anders an.
Besonders schwierig wird es mit Widmung
Ein Buch ohne Widmung kann relativ unauffällig in einen öffentlichen Bücherschrank wandern. Ein Buch mit: Für Anja, Weihnachten 2017. Ich hoffe, dieses Buch begleitet dich auf all deinen Wegen. In Liebe … eher nicht. Nicht weil die Widmung juristisch bindend wäre. Sondern weil sie aus einem Gegenstand einen Erinnerungsträger macht. Plötzlich gebe ich nicht nur ein Buch weg. Ich gebe etwas weg, das zu einer bestimmten Zeit gehört. Zu einem Menschen. Einer Beziehung. Einer früheren Version meines Lebens. Und vielleicht möchte ich genau das behalten. Dann bleibt das Buch eben. Nicht unbedingt wegen seines Inhalts. Sondern wegen der Geschichte, die inzwischen zusätzlich darin steht.
Aber muss ich jedes Buch eines Menschen behalten, der mir wichtig ist?
Ich hoffe nicht. Das würde langfristig erhebliche Immobilienprobleme verursachen. Vielleicht hat mir jemand über zwanzig Jahre immer wieder Bücher geschenkt. Vielleicht war jedes einzelne liebevoll ausgesucht. Das bedeutet trotzdem nicht, dass alle zwanzig für den Rest meines Lebens in meinem Regal stehen müssen. Ich kann einen Menschen mögen, ohne sämtliche Gegenstände aufzubewahren, die jemals zwischen uns hin- und hergewandert sind. Und ich kann mich an eine Beziehung erinnern, ohne dafür Regalplatz vorzuhalten. Manchmal reicht die Erinnerung. Manchmal möchte ich genau dieses eine Buch behalten. Und manchmal darf ein anderes weiter.
Und was ist mit Büchern von Menschen, die nicht mehr da sind?
Da wird es schwieriger. Menschen verschwinden aus unserem Leben aus sehr unterschiedlichen Gründen. Man verliert sich. Man trennt sich. Man streitet sich. Jemand stirbt. Und plötzlich besitzt ein Gegenstand eine Bedeutung, die er beim Schenken vielleicht noch gar nicht hatte. Ein vollkommen gewöhnlicher Roman kann dann zu etwas werden, das dieser Mensch einmal in der Hand hatte. Die Handschrift vorne bekommt ein anderes Gewicht. Vielleicht möchte man das Buch deshalb behalten. Vielleicht kann man es lange nicht einmal anfassen. Vielleicht möchte man es irgendwann gerade deshalb nicht mehr besitzen. Ich glaube nicht, dass es dafür eine allgemeine Regel geben kann. Erinnerung steckt nicht zuverlässig in Gegenständen. Aber manchmal hängt sie erstaunlich fest daran.
Eine Karte macht die Sache leichter
Vielleicht mag ich deshalb die Idee so sehr, eine persönliche Nachricht nicht immer direkt ins Buch zu schreiben. Eine kleine Karte kann beim Menschen bleiben. Das Buch kann weiterziehen. Man kann Jahre später entscheiden: Die Nachricht möchte ich behalten. Das Buch brauche ich nicht mehr. Und irgendwo anders steht dann jemand vor einem öffentlichen Bücherschrank, zieht genau dieses Buch heraus und freut sich darüber. Das gefällt mir. Bücher sind schließlich ziemlich gute Wanderer. Sie wechseln Regale, Wohnungen und Besitzer. Sie werden verliehen und nie zurückgebracht – was eine deutlich weniger romantische Form des Weiterwanderns ist. Sie tauchen in Antiquariaten auf. Jemand kauft sie für zwei Euro auf dem Flohmarkt. Und manchmal findet ein Buch beim nächsten Menschen einen viel besseren Platz als bei uns.
Vielleicht darf ein Geschenk seine Aufgabe irgendwann erfüllt haben
Ich glaube, das ist der Gedanke, der mir am besten gefällt. Ein Geschenk muss nicht für immer bleiben, um ein gutes Geschenk gewesen zu sein. Vielleicht habe ich das Buch gelesen und geliebt. Vielleicht hat es mich für ein paar Wochen begleitet. Vielleicht stand es zehn Jahre in meinem Regal. Vielleicht erinnert es mich an jemanden. Vielleicht war es genau zur richtigen Zeit da. Und irgendwann ist diese Geschichte vollständig. Dann darf eine neue anfangen. Das macht das ursprüngliche Geschenk nicht kleiner. Im Gegenteil. Vielleicht ist es ziemlich schön, wenn etwas, das mir einmal geschenkt wurde, irgendwann noch einmal jemandem Freude macht.
Also: Darf man?
Ich finde: ja. Man darf ein geschenktes Buch weitergeben. Man darf sogar ein Buch weitergeben, das ein lieber Mensch ausgesucht hat. Man darf eine Widmung behalten wollen. Man darf wegen einer Widmung ein objektiv vollkommen mittelmäßiges Buch zwanzig Jahre lang durch vier Umzüge schleppen. Man darf irgendwann beschließen, dass jetzt Schluss damit ist. Und man darf die Karte herausnehmen, ins eigene Erinnerungsfach legen und das Buch weiterwandern lassen. Ein Geschenk ist schließlich kein Vertrag darüber, einen Gegenstand für immer zu besitzen. Es war ein Moment zwischen zwei Menschen. Der bleibt nicht zwingend deshalb erhalten, weil das Buch noch im Regal steht. Und er verschwindet auch nicht automatisch, wenn das Buch geht.
Falls du gerade auf der anderen Seite stehst und ein Buch verschenken möchtest: Ich habe auch aufgeschrieben, warum ich Bücher gern sehr persönlich aussuche – und weshalb das richtige Buch für mich immer beim Menschen beginnt. → zum Artikel
Und wenn du ihm noch ein paar persönliche Worte mitgeben möchtest: „Was schreibt man in ein Buch, das man verschenkt?“ → zum Artikel