Manchmal wäre es wirklich praktisch, wenn Gefühle sich besser absprechen würden. Eins kommt rein, das andere geht raus. Traurig. Fertig. Nächstes Gefühl. Oder wenigstens eine klare Mehrheitsentscheidung. Stattdessen kann man einen Menschen vermissen und froh sein, dass er nicht mehr Teil des eigenen Lebens ist. Man kann sich auf etwas freuen und gleichzeitig Angst davor haben. Man kann jemanden lieben und gerade wirklich sehr wütend auf ihn sein. Man kann erleichtert sein, dass etwas vorbei ist – und trotzdem darum trauern. Und dann sitzt man da mit zwei Gefühlen, die offenbar überhaupt kein Problem damit haben, sich zu widersprechen. Nur wir haben eins.
Aber was davon fühle ich denn nun wirklich?
Vielleicht ist das eine der Fragen, mit denen wir uns das Leben unnötig schwer machen. Bin ich jetzt traurig oder erleichtert? Liebe ich diesen Menschen noch oder bin ich wütend auf ihn? Will ich gehen oder habe ich Angst davor? Als müsste eines davon das echte Gefühl sein und das andere irgendeine Störung im System. Dabei können beide wahr sein. Ich kann eine Entscheidung für richtig halten und sie trotzdem bedauern. Ich kann jemanden lieben und wissen, dass ich nicht mit ihm zusammen sein möchte. Ich kann glücklich über etwas Neues sein und das Alte vermissen. Das eine Gefühl entkräftet das andere nicht. Vielleicht entsteht der Widerspruch überhaupt erst dadurch, dass wir versuchen, aus mehreren gleichzeitig vorhandenen Gefühlen eine eindeutige Aussage zu machen.
Gefühle sind keine Abstimmung
Wenn 60 Prozent von mir gehen wollen und 40 Prozent bleiben, bedeutet das nicht automatisch: Der Antrag auf Trennung wurde mit einfacher Mehrheit angenommen. Schade eigentlich. Wäre übersichtlich. Gefühle funktionieren aber nicht wie ein Beschlussgremium. Sie erzählen uns unterschiedliche Dinge. Vielleicht hängt an einem Menschen Liebe und Enttäuschung. An einer Veränderung Hoffnung und Angst. An einem Abschied Trauer und Erleichterung. An einer neuen Lebensphase Vorfreude und der Wunsch, noch einmal zurückzugehen. All diese Gefühle können Informationen enthalten. Aber keines davon muss allein darüber entscheiden, was ich tue.
Ein Gefühl ist keine Handlungsanweisung
Das finde ich einen ziemlich wichtigen Unterschied. Wenn ich jemanden vermisse, bedeutet das nicht automatisch, dass ich zu ihm zurückkehren sollte. Wenn ich Angst habe, bedeutet das nicht automatisch, dass etwas falsch ist. Wenn ich wütend bin, muss ich nicht sofort handeln. Und wenn ich jemanden liebe, folgt daraus nicht zwangsläufig, dass eine Beziehung mit diesem Menschen gut für mich ist. Gefühle dürfen wahr sein, ohne Befehle zu erteilen. Vielleicht können wir sie dann auch etwas leichter aushalten. Ich muss meine Traurigkeit nicht wegargumentieren, damit meine Entscheidung richtig bleibt. Ich muss meine Erleichterung nicht verstecken, damit meine Trauer echt sein darf. Ich muss die Wut nicht beseitigen, um jemanden weiterhin lieben zu können. Es darf alles erst einmal mit an den Tisch. Es bekommt nur nicht automatisch Stimmrecht.
Vielleicht ist Widersprüchlichkeit gar kein Problem
Wir mögen klare Geschichten. Ich war unglücklich. Dann habe ich eine Entscheidung getroffen. Jetzt bin ich glücklich. Vorher falsch. Nachher richtig. Abgeschlossen. Das lässt sich hervorragend erzählen. Das Leben ist nur gelegentlich unhöflich genug, sich nicht daran zu halten. Manchmal war etwas schön und musste trotzdem enden. Manchmal war eine Entscheidung richtig und hat trotzdem wehgetan. Manchmal möchte man etwas Neues und trauert gleichzeitig um das, was man dafür zurücklässt. Vielleicht müssen wir daraus keine sauberere Geschichte machen. Vielleicht ist Widersprüchlichkeit nicht das Zeichen dafür, dass wir noch nicht herausgefunden haben, was wir wirklich fühlen. Vielleicht fühlen wir wirklich beides. Und vielleicht ist das schon die ganze Antwort. Gerade an Feiertagen werden solche Gleichzeitigkeiten manchmal besonders sichtbar: Man kann sich freuen und jemanden vermissen, dankbar und traurig sein, einen Feiertag lieben und trotzdem wünschen, dass bestimmte Stunden schnell vorübergehen.
Warum gerade diese Tage nicht nur ein Gefühl vertragen müssen, habe ich in „Wenn das Leben nicht so aussieht, wie man es sich einmal vorgestellt hat“ aufgeschrieben. → [zum Artikel]
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[…] Warum widersprüchliche Gefühle kein Widerspruch sein müssen, habe ich in „Man kann zwei Dinge gleichzeitig fühlen“ aufgeschrieben. → [zum Artikel] […]
[…] wenn du noch mehr darüber lesen möchtest, dass zwei Gefühle gleichzeitig da sein dürfen, ist dieser Artikel hier vielleicht etwas für […]
[…] Warum mehrere, sogar widersprüchliche Gefühle gleichzeitig wahr sein können, habe ich in „Man kann zwei Dinge gleichzeitig fühlen“ aufgeschrieben. → zum Artikel […]