Man kann Weihnachten mögen und trotzdem traurig sein

Ich mag Weihnachten. Die Lichter. Das Essen. Die Tage, an denen irgendwann tatsächlich ein bisschen Ruhe einkehrt. Dieses merkwürdige Gefühl, dass die Welt für einen Moment langsamer wird. Und trotzdem kann Weihnachten traurig sein. Beides passt erstaunlich gut gleichzeitig in einen Menschen. Vielleicht vermisst man jemanden und freut sich trotzdem auf das Essen. Vielleicht sitzt man mit Menschen am Tisch, die man liebt, und denkt an einen Menschen, der nicht mehr dort sitzt. Vielleicht ist dieses Jahr etwas passiert, das wehgetan hat – und dann muss man plötzlich über einen vollkommen albernen Witz lachen. Das eine macht das andere nicht weniger wahr. 

Gefühle sind erstaunlich schlecht darin, sich an Zuständigkeiten zu halten 

Wir reden manchmal über Gefühle, als müssten sie nacheinander auftreten. Erst bin ich traurig. Dann habe ich ausreichend getrauert. Dann darf ich wieder glücklich sein. Sehr übersichtlich. So funktioniert es nur leider nicht besonders zuverlässig. Man kann jemanden vermissen und einen schönen Abend haben. Man kann erleichtert und enttäuscht sein. Jemanden lieben und gleichzeitig wütend auf ihn sein. Sich auf Weihnachten freuen und wünschen, dass bestimmte Teile davon möglichst schnell vorbeigehen. Vielleicht macht gerade das manche Situationen so schwer zu verstehen: Wir erwarten Eindeutigkeit von uns, obwohl wir sie gar nicht empfinden. Dann taucht mitten in einem schönen Moment Traurigkeit auf und plötzlich denken wir, mit dem schönen Moment stimme etwas nicht. Oder wir lachen, obwohl wir doch gerade traurig sind, und fragen uns, ob wir überhaupt noch traurig sein dürfen. Natürlich dürfen wir. 

Ein schöner Moment muss nichts widerlegen 

Ich finde diesen Gedanken besonders tröstlich: Ein schöner Moment muss nicht beweisen, dass alles wieder gut ist. Er darf einfach schön sein. Für zehn Minuten. Für einen Abend. Für die Dauer eines sehr guten Essens oder eines vollkommen bescheuerten Weihnachtsfilms. Danach kann etwas wieder wehtun. Auch das macht den schönen Moment nicht falsch. Vielleicht müssen wir Gefühle überhaupt weniger gegeneinander ausspielen. Nicht: Bin ich glücklich oder traurig? Sondern manchmal schlicht: Ich bin glücklich und traurig.

Das kleine und macht ziemlich viel Platz.

Gerade an Weihnachten kann man diesen Platz vielleicht gebrauchen. Denn diese Tage tragen ohnehin schon genug Erwartungen mit sich herum. Sie müssen nicht auch noch darüber entscheiden, welches Gefühl gerade das richtige ist. Man kann Weihnachten mögen und trotzdem traurig sein. Man kann traurig sein und sich trotzdem freuen. Man kann jemanden vermissen und gleichzeitig dankbar für die Menschen sein, die da sind. Und manchmal sitzt all das zusammen mit am Tisch. Dann braucht es vielleicht keinen Widerspruch, den wir auflösen müssen. Nur einen zusätzlichen Stuhl. 

Und wenn du noch mehr darüber lesen möchtest, dass zwei Gefühle gleichzeitig da sein dürfen, ist dieser Artikel hier vielleicht etwas für dich.

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