Wie man für jemanden da sein kann, ohne alles lösen zu müssen 

Wenn es jemandem, den ich mag, schlecht geht, gibt es einen Reflex, den ich ziemlich gut kenne: Ich möchte, dass es besser wird. Also fängt der Kopf an zu arbeiten. Was könnte die Person tun? Was wäre eine Lösung? Welche Möglichkeiten gibt es? Was könnte helfen? Das ist meistens gut gemeint. Nur ist eine Lösung nicht immer das, was jemand gerade braucht. Manchmal ist es sogar viel zu früh für eine Lösung. 

Was brauchst du gerade? 

Ich finde deshalb eine Frage ziemlich hilfreich: Was brauchst du gerade? Möchtest du erzählen? Möchtest du gemeinsam überlegen, was du tun kannst? Brauchst du Ablenkung? Oder möchtest du gerade einfach sagen dürfen, dass alles furchtbar ist, ohne dass wir anschließend einen Maßnahmenplan aufstellen? Das klingt banal. Aber es verändert ein Gespräch. Denn ich muss nicht erraten, was dem anderen Menschen hilft. Und der andere muss nicht einen Ratschlag entgegennehmen, nach dem er überhaupt nicht gefragt hat. Manchmal möchte jemand eine Lösung. Vielleicht sogar dringend. Es kann Hoffnung geben zu merken: Es gibt Möglichkeiten. Ich bin dieser Situation nicht vollständig ausgeliefert. Und manchmal möchte jemand einfach erzählen. Dann darf das Problem für diesen Abend ungelöst bleiben. 

Nicht jede Traurigkeit braucht sofort eine positive Wendung 

Vielleicht fällt uns genau das manchmal schwer. Jemand erzählt von etwas Schmerzhaftem und wir möchten möglichst schnell einen Ausgang finden. Aber vielleicht wird es ja doch noch … Du könntest doch … Wenigstens hast du … Auch das ist meistens freundlich gemeint. Aber vielleicht braucht ein Mensch gerade gar keinen Ausgang. Vielleicht braucht er jemanden, der für einen Moment mit ihm dort bleibt, wo er gerade ist. Der sagt: Das klingt wirklich schwer. Und nicht sofort: Aber … Es gibt Gefühle, die dürfen erst einmal da sein. Traurigkeit. Enttäuschung. Wut. Angst. Auch mehrere davon gleichzeitig. Man kann jemanden lieben und wütend auf ihn sein. Man kann erleichtert und traurig sein. Man kann wissen, dass eine Entscheidung richtig war, und trotzdem unter ihr leiden. Wir müssen diese Widersprüche nicht immer sofort sortieren. Manchmal reicht es, sie auszuhalten. 

Und vielleicht ist es bei dir ganz anders 

Ein anderer Reflex ist mindestens genauso menschlich: Jemand erzählt etwas – und wir suchen in unserem eigenen Leben nach der passenden Geschichte. Das kenne ich. Bei mir war das damals … Auch das kann Nähe herstellen. Es kann guttun zu wissen, dass ein anderer Mensch etwas Ähnliches erlebt hat. Aber ähnlich ist nicht gleich. Liebeskummer ist nicht derselbe Liebeskummer. Trauer ist nicht dieselbe Trauer. Eine Trennung, eine Enttäuschung, eine Angst kann bei zwei Menschen vollkommen unterschiedlich aussehen. Vielleicht muss ich deshalb nicht immer beweisen, dass ich verstehe. Ich kann auch fragen. Wie ist das für dich? Und zuhören. 

Dasein kann erstaunlich praktisch sein 

Manchmal besteht Unterstützung übrigens nicht aus einem besonders guten Gespräch. Manchmal besteht sie aus einem Geschirrspüler. Jemandem geht es schlecht, man besucht ihn, trinkt Tee, hört zu – und anschließend steht da nicht zusätzlich das Geschirr des Besuchs. Vielleicht räumt man es gemeinsam weg. Vielleicht sagt man: Bleib sitzen, ich mache das. Man kann etwas zu essen mitbringen. Einen Einkauf erledigen. Eine Runde spazieren gehen. Tee kochen. Oder fragen: Kann ich dir gerade irgendetwas abnehmen? Das löst das eigentliche Problem vermutlich nicht. Aber nicht jede Hilfe muss am größten Problem ansetzen. Wenn das Leben gerade schwer genug ist, kann es ziemlich angenehm sein, wenn wenigstens der Geschirrspüler plötzlich kein Problem mehr darstellt. 

Dasein heißt nicht, immer verfügbar zu sein 

Auch das gehört für mich dazu. Wenn jemand mich braucht und ich gerade selbst völlig erschöpft bin, kann es ehrlicher sein zu sagen: Ich möchte wirklich wissen, wie es dir geht. Aber ich kann dir heute nicht so zuhören, wie ich es gern würde. Können wir uns nächste Woche sehen? Das ist etwas anderes als ein schnelles: Keine Zeit. Es sagt: Du bist mir wichtig. Und gerade deshalb möchte ich dir nicht nur den Rest meiner Aufmerksamkeit geben. Natürlich gibt es Situationen, in denen jemand jetzt Unterstützung braucht. Aber in vielen anderen darf man auch einen Zeitpunkt finden, an dem beide Menschen wirklich da sein können. 

Vielleicht müssen wir gar nichts reparieren 

Ich glaube, darin liegt für mich der entscheidende Unterschied. Für jemanden da zu sein heißt nicht automatisch, dafür verantwortlich zu sein, dass es ihm anschließend besser geht. Vielleicht geht es ihm nach dem Gespräch immer noch schlecht. Vielleicht ist die Trennung immer noch passiert. Der Mensch fehlt immer noch. Die Entscheidung ist immer noch schwierig. Das Problem ist immer noch nicht gelöst. Und trotzdem war das Gespräch nicht umsonst. Jemand musste für eine Stunde nicht allein damit sein. Manchmal können wir etwas tun. Manchmal können wir gemeinsam nach einer Lösung suchen. Und manchmal können wir nur einen Tee kochen, zuhören und sagen: Du musst das gerade nicht vor mir in Ordnung bringen. Ich finde, das ist ziemlich viel. 

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