Nicht jeder Wunsch muss erfüllt werden 

Es gibt Wünsche, bei denen ziemlich klar ist, was zu tun ist. Ich möchte mehr reisen. Also kann ich anfangen, Geld zurückzulegen, Urlaubstage zu zählen und sehr viele Tabs mit Unterkünften zu öffnen. Ich möchte ein Buch schreiben. Also muss ich irgendwann anfangen zu schreiben. Und dann gibt es Wünsche, bei denen das schwieriger ist. Vielleicht wollte man Kinder und hat keine bekommen. Vielleicht hatte man sich eine Partnerschaft vorgestellt, die nie entstanden ist. Vielleicht wollte man irgendwann in einem bestimmten Beruf arbeiten, an einem bestimmten Ort leben oder eine große Familie haben. Und irgendwann stellt man fest: Das ist nicht mein Leben geworden. Die nächste Frage lautet dann erstaunlich schnell: Und was mache ich jetzt damit? Vielleicht manchmal: gar nichts. 

Nicht alles, was fehlt, lässt sich herstellen 

Wir sind ziemlich gut darin, aus Wünschen Aufgaben zu machen. Wenn du etwas möchtest, dann geh los. Ändere etwas. Trau dich. Mach einen Plan. Das ist in vielen Situationen großartig. Nur gibt es Wünsche, die nicht allein von uns abhängen. Für eine Beziehung braucht es zum Beispiel ärgerlicherweise mindestens einen weiteren Menschen. Auch Kinder, Familie, Freundschaften, Gesundheit, berufliche Möglichkeiten und ziemlich viele andere Dinge im Leben lassen sich nicht vollständig planen. Man kann Entscheidungen treffen. Man kann Möglichkeiten schaffen. Man kann etwas versuchen. Und trotzdem bekommt man nicht zwangsläufig das Leben, das man sich einmal vorgestellt hat. Das ist keine besonders angenehme Erkenntnis. Aber vielleicht eine wichtige. 

Und dann soll man wenigstens zufrieden sein 

Wenn sich ein Wunsch nicht erfüllt, scheint es manchmal nur zwei akzeptable Möglichkeiten zu geben. Entweder ich tue etwas dagegen. Oder ich lasse ihn los. Dann akzeptiere ich mein Leben, bin dankbar für das, was ich habe, und denke möglichst nicht mehr darüber nach. Auch das finde ich ziemlich viel verlangt. Warum sollte ich nicht sagen dürfen: Ich habe ein gutes Leben. Und ich hätte das trotzdem gern gehabt. Vielleicht bin ich gern allein und hätte trotzdem gern eine Partnerschaft erlebt, die geblieben wäre. Vielleicht liebe ich mein Kind und hätte gern noch ein zweites gehabt. Vielleicht mag ich meinen Beruf und frage mich manchmal, wie mein Leben ausgesehen hätte, wenn ich einen anderen Weg genommen hätte. Vielleicht lebe ich gern dort, wo ich bin, und vermisse trotzdem einen Ort, an dem ich nie gelebt habe. Das eine macht das andere nicht undankbar. 

Ein unerfüllter Wunsch macht das wirkliche Leben nicht kleiner 

Vielleicht entsteht das Problem erst, wenn wir anfangen zu rechnen. Wenn ich mir etwas wünsche, das ich nicht habe, bin ich offenbar nicht zufrieden. Wenn ich zufrieden bin, dürfte mir eigentlich nichts fehlen. Aber so ordentlich sind Menschen vermutlich wieder einmal nicht. Man kann sein Leben mögen und darin eine Lücke sehen. Man kann dankbar sein und traurig. Man kann etwas nicht ändern wollen und sich trotzdem wünschen, es wäre anders. Das tatsächliche Leben muss nicht gegen das erträumte antreten. Es muss nicht beweisen, dass es mindestens genauso gut geworden ist. Vielleicht ist es einfach das Leben, das da ist. Mit Dingen, die man niemals erwartet hätte und inzwischen nicht mehr missen möchte. Und mit anderen, die man sich sehr gewünscht hat und nie bekommen hat. 

Vielleicht muss auch nicht aus jedem Wunsch ein neues Ziel werden 

Das finde ich fast noch schwieriger. Denn sobald man anerkennt, dass da ein Wunsch ist, liegt die Frage nahe: Was könnte ich tun, damit er sich doch noch erfüllt? Manchmal ist das genau die richtige Frage. Und manchmal nicht. Vielleicht möchte ich gar nicht mein gesamtes Leben umbauen, um diesem einen Wunsch noch hinterherzulaufen. Vielleicht wäre der Preis dafür zu hoch. Vielleicht ist die Möglichkeit vorbei. Vielleicht hängt die Erfüllung nicht von mir ab. Oder vielleicht habe ich längst entschieden, dass ich mein heutiges Leben nicht gegen die Chance auf dieses andere eintauschen möchte. Dann darf der Wunsch trotzdem bleiben. Nicht als Auftrag. Nicht als heimliches Projekt. Nicht als Beweis dafür, dass ich mit meinem Leben unzufrieden bin. Sondern als etwas, das einmal wichtig war. Vielleicht noch immer wichtig ist. 

Und vielleicht muss man ihn trotzdem nicht unbedingt loslassen 

„Loslassen“ klingt häufig so endgültig. Als müsste man irgendwann an den Punkt kommen, an dem man sagen kann: Jetzt macht es mir nichts mehr aus. Vielleicht passiert das. Vielleicht verändert sich ein Wunsch. Vielleicht verliert er seine Bedeutung. Vielleicht verschwindet er tatsächlich. Aber vielleicht bleibt er auch. Nicht jeden Tag. Nicht als großes Loch mitten im Leben. Eher wie eine Tür zu einem Raum, den man nie betreten hat. Man weiß, dass er da ist. Manchmal denkt man darüber nach, wie es darin ausgesehen hätte. Und dann geht man weiter durch das Haus, in dem man tatsächlich lebt. 

Nicht alles braucht einen Abschluss 

Vielleicht ist das überhaupt die Vorstellung, die ich schwierig finde: Dass alles irgendwann aufgelöst werden muss. Eine Frage braucht eine Antwort. Ein Schmerz Heilung. Ein Wunsch Erfüllung oder Loslassen. Eine Entscheidung Gewissheit. Aber manches bleibt vielleicht einfach ein Teil unserer Geschichte. Das hätte ich gern gehabt. Punkt. Kein „aber dafür“. Kein „es sollte wohl nicht sein“. Kein Versuch, dem Ganzen nachträglich einen Sinn zu geben. Es ist nicht passiert. Ich finde das schade. Und mein Leben kann trotzdem schön sein. Vielleicht ist das keine Lösung. Aber vielleicht braucht es auch keine.  Besonders sichtbar werden solche unerfüllten Vorstellungen manchmal an Tagen, an denen uns ziemlich viele Bilder davon begegnen, wie ein Leben angeblich aussehen sollte. 

Über Familie, Feste und die Frage, warum das eigene Leben an solchen Tagen plötzlich neben einer erträumten Version von sich steht, habe ich in „Wenn das Leben nicht so aussieht, wie man es sich einmal vorgestellt hat“ weitergeschrieben. zum Artikel

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