Weihnachten hat ein ziemlich konkretes Bild von sich selbst. Menschen sitzen an einem schön gedeckten Tisch. Alle, die dazugehören, sind da. Es gibt genug zu essen. Niemand streitet. Die Geschenke passen. Die Kinder freuen sich. Die Erwachsenen auch. Irgendwo leuchten Kerzen, und spätestens jetzt müsste vermutlich jemand sehr zufrieden seufzen.
Das ist ein schönes Bild. Nur passt das Leben nicht jedes Jahr hinein. Vielleicht fehlt dieses Weihnachten jemand am Tisch. Vielleicht ist eine Beziehung zu Ende gegangen. Eine Familie hat sich verändert. Ein Kinderwunsch ist unerfüllt geblieben. Das Geld ist knapper als sonst. Jemand ist krank. Die Familie lebt weit weg. Oder man sitzt zwischen Menschen, die man liebt, und merkt trotzdem, dass etwas gerade nicht gut ist. Vielleicht ist auch gar nichts Großes passiert. Vielleicht war das Jahr einfach anstrengend. Und jetzt ist Dezember.
Weihnachten kommt nicht gerade leise daher
Ich glaube, ein Teil dessen, was Weihnachten schwierig machen kann, ist seine Lautstärke. Nicht unbedingt akustisch. Sondern die kulturelle. Schon Wochen vorher wird ziemlich unmissverständlich erzählt, wie diese Tage auszusehen haben. Nähe. Familie. Freude. Großzügigkeit. Besinnlichkeit. Dazu Weihnachtsfeiern, Jahresabschlüsse, Geschenke, Termine, Reisen, Einkäufe. Im Supermarkt entsteht kurz vor den Feiertagen regelmäßig der Eindruck, dass anschließend für mehrere Monate keine Lebensmittel mehr verkauft werden. Wir kaufen ein, als müssten wir einen sehr gemütlichen Belagerungszustand überstehen. Gleichzeitig versuchen viele Menschen bei der Arbeit noch Dinge abzuschließen, bevor das Jahr endet. Ferien beginnen. Reisen müssen organisiert werden. Geschenke fehlen. Irgendjemand braucht noch irgendetwas. Und mitten in diesem ganzen Aufwand soll dann bitte Besinnlichkeit eintreten. Möglichst pünktlich. Vielleicht ist es gar nicht erstaunlich, wenn das nicht immer funktioniert.
Man kann Weihnachten mögen und trotzdem traurig sein
Das eine schließt das andere nicht aus. Vielleicht mag man den Baum. Das Essen. Die Lichter. Einen bestimmten Film, der jedes Jahr dazugehört. Und trotzdem fehlt jemand. Vielleicht freut man sich darauf, die Familie zu sehen, und weiß gleichzeitig ziemlich genau, an welcher Stelle es kompliziert werden könnte. Vielleicht ist man glücklich mit dem eigenen Leben und merkt trotzdem, dass es anders aussieht als das Bild, das man früher davon hatte. Ich finde gerade an Weihnachten wichtig, dass diese Dinge nebeneinander existieren dürfen. Man muss sich nicht entscheiden zwischen: Ich liebe Weihnachten. und Dieses Weihnachten ist schwer. Beides kann stimmen. Vielleicht sogar am selben Abend.
Was fehlt, wird manchmal besonders sichtbar
Es gibt Tage, an denen eine leere Stelle einfach eine leere Stelle ist. Und dann gibt es Tage, an denen überall erzählt wird, dass jetzt bitte alle Stellen besetzt sein sollten. Weihnachten gehört für mich zu diesen Tagen. Wenn jemand gestorben ist, kann ein vertrauter Platz am Tisch plötzlich sehr deutlich werden. Nach einer Trennung verändert sich vielleicht nicht nur eine Beziehung, sondern gleich die ganze Organisation der Feiertage. Wer allein ist, erlebt womöglich besonders deutlich, wie viele Bilder von Weihnachten Menschen in Gruppen zeigen. Und auch Dinge, die nie passiert sind, können fehlen. Die Familie, die man sich einmal vorgestellt hat. Die Kinder, die man gern gehabt hätte. Eine Nähe, die in einer Beziehung einmal da war. Das bedeutet nicht automatisch, dass das eigene Leben schlecht ist. Es bedeutet zunächst nur, dass Menschen Vorstellungen haben. Wünsche. Erinnerungen. Beziehungen. Und dass Weihnachten ziemlich zuverlässig mit einer Taschenlampe darauf leuchtet.
Und die anderen scheinen es besser hinzubekommen
Das Internet hilft an dieser Stelle nur bedingt. Da steht der Baum bereits. Die Plätzchen sehen aus, als hätten sie eine Ausbildung absolviert. Menschen tragen erstaunlich saubere Pullover neben erstaunlich sauberen Kindern, und offenbar hat niemand zehn Minuten vorher gefragt, warum jetzt eigentlich schon wieder alle schlechte Laune haben. Natürlich wissen wir, dass wir Ausschnitte sehen. Trotzdem vergleichen wir gelegentlich unser komplettes Innenleben mit dem ausgewählten Bild eines anderen Menschen. Gerade an Weihnachten kann daraus schnell der Eindruck entstehen: Bei allen anderen funktioniert es. Nur bei mir nicht.
Aber wir sehen nicht, wer sich vor dem Foto gestritten hat. Wer jemanden vermisst. Wer froh ist, wenn die Feiertage vorbei sind. Wer gerade finanziell rechnen muss. Wer erschöpft ist. Wer eine Stunde vorher geweint hat und sich trotzdem auf das Essen freut. Ein schönes Weihnachtsfoto muss nicht gelogen sein. Es ist nur nicht die ganze Geschichte.
Du musst Weihnachten nicht retten
Vielleicht ist das eine der Erwartungen, die wir uns selbst machen: Wenn es schon schwierig ist, dann soll Weihnachten wenigstens schön werden. Also kaufen wir noch etwas. Kochen noch etwas. Organisieren noch etwas. Versuchen, eine Lücke mit einem Geschenk zu füllen oder einen Konflikt für drei Tage unter Geschenkpapier verschwinden zu lassen. Manches lässt sich aber nicht weihnachtlich dekorieren. Und vielleicht muss es das auch nicht. Ein Geschenk kann sagen: Ich habe an dich gedacht. Ein gemeinsames Essen kann guttun. Eine Kerze kann für jemanden brennen, der fehlt. Ein Spaziergang kann ein paar Stunden leichter machen. Das sind keine Lösungen. Sie müssen keine sein. Vielleicht darf Weihnachten auch einfach ein paar gute Dinge neben das stellen, was gerade schwer ist.
Vielleicht muss dieses Weihnachten nicht perfekt werden
Vielleicht reicht schön an manchen Stellen. Vielleicht reicht sogar okay. Es darf Essen geben, das nicht selbst gekocht wurde. Ein Geschenk kann klein sein. Eine Tradition darf ausfallen. Man kann eine Einladung ablehnen oder früher nach Hause gehen. Und man darf glücklich sein, obwohl jemand fehlt. Das finde ich genauso wichtig. Trauer verlangt nicht, dass jeder schöne Moment mittrauert. Ein schwieriges Jahr verbietet keinen guten Abend. Wer gerade viel trägt, verrät damit nichts, wenn er trotzdem lacht. Vielleicht ist das die freundlichere Vorstellung von Weihnachten: nicht ein paar Tage, an denen wir endlich alle so glücklich sein müssen, wie die Bilder es versprechen. Sondern ein paar Tage, an denen das da sein darf, was ohnehin da ist. Freude. Erschöpfung. Nähe. Trauer. Dankbarkeit. Enttäuschung. Ein voller Tisch. Ein leerer Stuhl. Oder ein vollkommen unspektakulärer Abend auf dem Sofa. Das Leben wird über Weihnachten nicht plötzlich widerspruchsfrei. Vielleicht muss es das auch gar nicht.
Und wenn du gerade jemanden kennst, für den diese Tage schwer sind, muss auch deine Geste nichts reparieren. Manchmal kann etwas Kleines schon sagen: Ich sehe dich. Ich habe an dich gedacht.
Was man jemandem schenken kann, dem es gerade nicht gut geht, habe ich hier aufgeschrieben. → [zum Artikel]