Du musst nicht genauso fühlen, um mich zu verstehen 

Es gibt einen Satz, der in schwierigen Gesprächen ziemlich schnell auftaucht: Das kenne ich. Und manchmal ist er wunderbar. Er kann sagen: Du bist damit nicht allein. Ich habe etwas Ähnliches erlebt. Ich kann ungefähr nachvollziehen, wovon du sprichst. Manchmal passiert danach aber etwas anderes. „Das kenne ich“ wird zu: Bei mir war das damals so … Und plötzlich gehört die Geschichte jemand anderem. Ich glaube, das ist eine der schwierigeren Sachen beim Zuhören: Nähe herzustellen, ohne die Erfahrung des anderen zu unserer eigenen zu machen. 

Ähnlich ist nicht dasselbe 

Zwei Menschen können verlassen worden sein und vollkommen unterschiedlich damit umgehen. Sie können denselben Menschen verlieren und unterschiedlich trauern. Sie können in derselben Situation stecken und etwas völlig anderes empfinden. Das macht eines der Gefühle nicht richtiger als das andere. Vielleicht ist das sogar etwas, das wir häufiger vergessen: Gefühle müssen nicht logisch sein, um da zu sein. Man kann wütend auf einen Menschen sein, den man liebt. Man kann jemanden vermissen und gleichzeitig erleichtert sein, dass etwas vorbei ist. Man kann wissen, dass eine Trennung richtig war, und trotzdem zurückwollen. Man kann sich für einen anderen Menschen freuen und gleichzeitig traurig darüber sein, was einem selbst fehlt. Das ist widersprüchlich. Menschen sind das gelegentlich. 

Ein Gefühl ist noch keine Entscheidung 

Vielleicht wollen wir Gefühle auch deshalb so schnell sortieren, weil wir ihnen eine ziemlich große Macht zuschreiben. Wenn ich wütend bin, muss etwas passieren. Wenn ich jemanden vermisse, muss ich zurück. Wenn ich Angst habe, darf ich etwas nicht tun. Wenn ich verliebt bin, muss daraus eine Beziehung werden. Aber ein Gefühl ist zunächst einmal ein Gefühl. Es kann wichtig sein. Es kann mir etwas zeigen. Vielleicht möchte ich herausfinden, woher es kommt. Trotzdem muss ich nicht jedem Gefühl eine Handlung hinterherschicken. Ich darf jemanden lieben und entscheiden, dass ich nicht mit ihm zusammen sein kann. Ich darf Angst haben und etwas trotzdem tun. Ich darf wütend sein und später entscheiden, was ich damit anfangen möchte. Vielleicht hilft das auch beim Zuhören. Ich muss das Gefühl eines anderen Menschen nicht sofort in eine Konsequenz übersetzen. 

Vielleicht reicht erst einmal: Ja 

Nicht: Ja, aber. Nicht: Das siehst du morgen bestimmt anders. Nicht: Dann musst du jetzt unbedingt … Sondern vielleicht: Ja. Ich verstehe, dass du gerade wütend bist. Oder: Das klingt, als hätte dich das wirklich verletzt. Oder sogar: Ich hätte das vielleicht anders empfunden. Aber ich sehe, dass es für dich gerade so ist. Ich finde diesen Unterschied wichtig. Verstehen bedeutet nicht zwangsläufig, dass ich dieselbe Bewertung haben muss. Ich muss ein Gefühl nicht selbst empfinden, um anzuerkennen, dass ein anderer Mensch es empfindet. Und vielleicht muss ich manchmal überhaupt nichts Kluges dazu sagen. Ich kann fragen: Ist da noch etwas? Denn häufig ist da noch etwas. Unter der Wut vielleicht Traurigkeit. Neben der Erleichterung ein schlechtes Gewissen. Neben der Liebe Enttäuschung. Neben der Vorfreude Angst. Nicht weil wir so lange graben müssen, bis wir endlich das „wahre“ Gefühl gefunden haben. Sondern weil mehrere wahr sein können. 

Vielleicht ist das eine Form von Nähe 

Nicht alles sofort mit der eigenen Geschichte zu beantworten. Nicht zu entscheiden, welches Gefühl angemessen wäre. Nicht aus einem Gefühl sofort einen Auftrag zu machen. Sondern einen anderen Menschen für einen Moment seine eigene Geschichte erzählen zu lassen. Manchmal finden wir darin etwas, das wir selbst kennen. Manchmal nicht. Wir können trotzdem dableiben. Vielleicht ist das sogar eine ziemlich schöne Form von Nähe: Ich muss nicht genauso fühlen wie du, um ernst zu nehmen, wie du fühlst.  Und manchmal ist genau das schon die Unterstützung: nicht sofort eine Lösung zu haben, sondern erst einmal bei dem Menschen zu bleiben, der gerade vor einem sitzt. 

Wie man für jemanden da sein kann, ohne alles lösen zu müssen, habe ich hier aufgeschrieben. [zum Artikel] 

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