Mir haben Menschen schon öfter gesagt, dass sie etwas mutig finden, das ich gemacht habe. Und manchmal denke ich: Echt? Das? Nicht, weil ich mich für besonders mutig halte. Sondern weil ich in diesen Situationen gar keinen Mut gebraucht habe. Ich habe etwas entschieden und dann gemacht.
Vielleicht war es ungewöhnlich. Vielleicht hätte jemand anderes länger gezögert. Vielleicht hätte ich selbst bei einer anderen Entscheidung gezögert. Aber genau diese fühlte sich nicht mutig an. Das hat mich irgendwann auf die Frage gebracht: Wer entscheidet eigentlich, was mutig ist?
Wir benutzen das Wort meistens von außen. Jemand kündigt einen sicheren Job. Reist allein irgendwohin. Sagt öffentlich etwas, das nicht selbstverständlich ist. Fängt mit etwas Neuem an. Stellt etwas Eigenes in die Welt. Und wir sagen: Das ist mutig. Vielleicht ist es das. Vielleicht war es für diese Person aber auch die vernünftigste Entscheidung ihres Lebens.
Denn wenn ich etwas bei einem anderen Menschen mutig finde, sagt das zunächst einmal etwas darüber aus, wie ich selbst diese Handlung bewerte. Ich stelle mir vor, wie es wäre, sie zu tun. Was würde mich Überwindung kosten? Was käme mir riskant vor? Wovor würde ich zurückschrecken? Und plötzlich bekommt jemand anderes von mir eine Tapferkeitsmedaille für etwas, bei dem er selbst möglicherweise nicht einmal bemerkt hat, dass ein Wettbewerb stattfindet.
Das finde ich ziemlich interessant. Denn andersherum funktioniert es genauso. Wenn ich etwas als mutig bezeichne, das ich selbst gern tun würde, kann das Wort die Sache plötzlich größer machen.
Dann denke ich nicht mehr: Möchte ich das? Oder: Ist das eine gute Entscheidung? Sondern: Bin ich mutig genug dafür? Und damit habe ich aus einer Entscheidung eine Mutprobe gemacht. Das kann angemessen sein. Manche Entscheidungen haben echte Konsequenzen. Manchmal steht etwas auf dem Spiel, manchmal braucht es Überwindung, manchmal gibt es gute Gründe, vorsichtig zu sein. Aber eben nicht immer. Vielleicht muss ich nicht mutiger werden. Vielleicht muss ich manchmal nur entscheiden.
Beim Veröffentlichen meiner Bücher gibt es trotzdem einen Moment, den ich mit Mut verbinde. Den letzten Klick. Bis dahin ist ziemlich viel passiert. Ein Buch wurde geschrieben, überarbeitet, gestaltet, korrigiert, als Probedruck geprüft. Es gibt einen definierten Punkt, an dem die Qualitätskontrolle abgeschlossen ist. Die Dateien sind fertig. Ich weiß, was ich veröffentliche. Und dann steht da: Veröffentlichen.
Erstaunlich: Ein kleines Wort aber ein ziemlich weitreichender Schritt.
Bis zu diesem Moment kann ich noch entscheiden, dass das Buch eine Datei bleibt. Danach wird es öffentlich. Für mich hat das weniger mit Angst zu tun als mit Verbindlichkeit. Ich sage damit: Ja. Das ist die Fassung. Nicht die theoretisch perfekte Fassung, an der ich bis zum Jahr 2047 weiterarbeiten könnte. Nicht die Fassung, die jedem Menschen gefallen muss. Die, für die ich mich entschieden habe. Ich setze meinen Namen darauf und sage: Dafür stehe ich.
Vielleicht liegt mein Mut deshalb gar nicht im Risiko des Veröffentlichens. Er liegt im Abschließen. Im Moment, in dem aus Prüfen eine Entscheidung werden muss. Sorgfalt kann mich bis zu diesem Punkt bringen. Sie kann dafür sorgen, dass ich weiß, was ich tue. Dass ich meine Entscheidungen begründen kann. Dass ich einen Fehler korrigiere, wenn ich einen finde, statt ihn zur künstlerischen Eigenheit zu erklären. Aber irgendwann hat Sorgfalt ihre Arbeit getan. Dann muss jemand entscheiden. Beim Selfpublishing bin das praktischerweise wieder ich. Natürlich.
Vielleicht gefällt mir deshalb inzwischen die Vorstellung nicht mehr besonders, Menschen pauschal als mutig oder nicht mutig zu beschreiben. Mut scheint mir viel situativer zu sein. Ich kann bei einer Sache vollkommen selbstverständlich handeln und bei einer anderen merken: Hier brauche ich ihn. Ein anderer Mensch würde genau diese beiden Situationen möglicherweise umgekehrt bewerten.
Und manchmal braucht es überhaupt keinen Mut. Das finde ich fast genauso wichtig. Denn vielleicht müssen wir nicht jede ungewöhnliche Entscheidung mit Gefahr aufladen. Nicht jeder neue Weg ist ein Sprung von einer Klippe. Manchmal ist es schlicht der Weg, den jemand gehen möchte.
Bei DANACH habe ich lange überlegt, ob ich die alten Texte noch einmal veröffentlichen will. Ich habe sie gelesen, geprüft, neu zusammengestellt und eine neue Form für sie gefunden. Irgendwann war die Entscheidung gefallen. Danach musste ich nur noch etwas sehr Kleines tun. Ich musste auf Veröffentlichen klicken. Das habe ich gemacht. Jetzt ist das Buch da. → Hier findet ihr DANACH.