Wie viele Berufe braucht man, um ein Buch zu machen?

Ich stand vor einer Druckerpresse und dachte: Was mache ich hier eigentlich? Das passiert mir beim Büchermachen erstaunlich oft. In diesem Fall war ich bei einem Druckworkshop und versuchte zu verstehen, wie diese Maschine funktioniert.

Wie viel Farbe braucht es? Welches Papier? Was passiert mit dem Druckbild, wenn man hier etwas verändert? Warum sieht das jetzt anders aus als gedacht? Und wer hat eigentlich beschlossen, dass ich das wissen muss?

Niemand, natürlich. Ich wollte es wissen.

Das ist ein nicht ganz unwesentlicher Unterschied. Ich mag es, Dinge auszuprobieren. Ich habe mit Letterpress gearbeitet, Zines gemacht, mich mit Künstlerbüchern beschäftigt, verschiedene Papiere in der Hand gehabt und eine Zeit lang sehr ernsthaft darüber nachgedacht, größere Mengen Pergamentpapier zu kaufen. Ich habe Bücher gesetzt, Cover gestaltet und Druckdateien gebaut. Und manchmal stehe ich mittendrin und stelle fest: Ich versuche gerade, fünf Lehrberufe gleichzeitig ungelernt nachzuahmen.

Denn ein Buch zu machen hieß lange Zeit keineswegs, dass jemand sich an einen Tisch setzte, 200 Seiten schrieb und anschließend auf „Veröffentlichen“ drückte. Da war jemand, der den Text schrieb. Jemand anderes setzte ihn. Buchstabe für Buchstabe, wenn wir weit genug zurückgehen. Jemand gestaltete das Buch. Jemand kannte sich mit Papier aus. Eine Druckerin wusste, wie Farbe, Satz, Papier und Maschine zusammengebracht werden müssen, damit am Ende tatsächlich das herauskommt, was geplant war. Und danach war das Ganze noch immer kein Buch, denn jemand musste die Seiten schneiden, falzen, zusammentragen und binden. Für jeden einzelnen dieser Schritte gibt es Menschen, die jahrelang lernen, wie man das richtig macht.

Und dann kommt Selfpublishing. Hallo. Ich hätte gern einmal alles.

Natürlich muss ich nicht selbst Papier schöpfen. Noch nicht. Gebt mir keine Ideen. Aber plötzlich muss ich zumindest genug über sehr viele verschiedene Bereiche wissen, um Entscheidungen treffen zu können. Welche Größe soll das Buch haben? Welches Papier funktioniert? Wie muss der Satz aussehen? Was passiert am Bundsteg? Was ist mit dem Beschnitt? Funktioniert die Schrift auch gedruckt? Ist das Cover nur auf meinem Bildschirm schön oder auch auf einem Buch? Warum ist diese Farbe plötzlich eine andere? Und weshalb teilt mir irgendein System drei Minuten vor Feierabend mit, dass es mit meiner Datei ein Problem gibt, von dem ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal wusste, dass es existieren kann?

Das Verrückte daran ist: Ich mache das gern.

Nicht alles. Niemand entwickelt eine tiefe emotionale Bindung zu Beschnittzugaben. Hoffe ich. Aber ich mag das Büchermachen. Und das ist für mich etwas anderes als Schreiben. Beim Schreiben interessiert mich zuerst, was erzählt werden will. Beim Büchermachen kommt irgendwann die Frage dazu, was dieses Geschriebene werden soll. Ein Buch ist schließlich nur eine Möglichkeit.

Es könnte auch ein Zine sein, ein Heft, ein Künstlerbuch, ein Plakat oder etwas, das man auseinanderfaltet. Es könnte auf dünnem Papier stehen oder auf schwerem. In die Hosentasche passen oder so groß sein, dass man erst einmal Platz auf dem Tisch machen muss. Mit jeder dieser Entscheidungen verändert sich auch das, was wir wahrnehmen.

Und damit beginnt der Teil, bei dem ich mich regelmäßig in Gebiete verirre, in denen andere Menschen einen Beruf gelernt haben. Beim Cover zum Beispiel. Ich habe in den vergangenen Wochen viel mit Affinity gearbeitet. Das Programm kann sehr viel. Ich kann inzwischen auch einiges davon. Die Schnittmenge dieser beiden Mengen ist überschaubar. Dann gibt es Typografie. Fotografie. Illustration. Bildbearbeitung. Satz. Druckvorstufe. Dazu ein bisschen Produktionsmanagement, weil am Ende nicht nur ein schönes Buch entstehen, sondern auch tatsächlich irgendwo eine korrekte Datei landen muss.

Ist das Buch fertig, wechseln wir einfach die Abteilung. Jetzt brauchen wir Lektorat und Korrektorat. Metadaten. Kategorien. Produktbeschreibung. Preis. Vertrieb. Marketing. Presse vielleicht. Social Media. Website. Newsletter! Ach ja, Newsletter. Vor Kurzem hatte ich endlich meinen Newsletter eingerichtet. Ich hatte mich durch die Technik gearbeitet, getestet, noch einmal getestet, in verschiedenen Browsern getestet und war irgendwann sehr zufrieden und sehr müde. Dann kam eine Rückmeldung vom Handy. Irgendetwas funktionierte nicht.

Die technische Lösung bestand sinngemäß darin, verschiedene Komponenten einzeln auszuschalten, anschließend jeweils wieder zu testen und auf diesem Weg herauszufinden, welche davon sich nicht mit welcher anderen verträgt. Natürlich.

Ich wollte Schriftstellerin sein und befinde mich jetzt offenbar in der IT-Abteilung.

Das sind die Momente, in denen ich mich frage, wie weit man gehen muss. Denn ich könnte natürlich noch mehr lernen. Ich kann immer noch mehr lernen. Vor Jahren wollte ich einmal einen Bot programmieren und habe mir dafür genau so viel Programmiersprache beigebracht, wie ich brauchte. Das Ding lief sogar. Nicht so, wie ich wollte, aber es lief. Danach kaufte ich einen Kurs darüber, wie man mit Code Kunst erzeugen kann. Ich habe ungefähr die Hälfte davon angesehen. Irgendwann fand ich offenbar etwas anderes interessant.

Das ist vielleicht gleichzeitig das Schöne und das Gefährliche am Selbermachen: Hinter jeder Tür stehen fünf neue Türen. Hinter Typografie wartet Schriftgestaltung. Hinter Papier wartet Papierherstellung. Hinter Druck wartet die nächste Drucktechnik. Hinter einer Website wartet irgendwann jemand und fragt, ob man schon einmal den Cache geleert hat.

Man könnte sehr lange Bücher machen, ohne Bücher zu schreiben.

Deshalb gehört für mich inzwischen noch ein Beruf dazu, den es vermutlich gar nicht als Ausbildungsberuf gibt: die Person, die entscheidet, wann es reicht. Wann muss ich etwas wirklich verstehen? Wann brauche ich jemanden, der es besser kann? Wann lohnt sich noch eine Runde? Und wann ist die nächste Runde nur deshalb verführerisch, weil ich dort noch etwas lernen könnte?

Ich werde wahrscheinlich trotzdem weiter in Druckwerkstätten stehen. Ich werde Papiere anfassen, Cover bauen, Dinge ausprobieren und mich in Programme einarbeiten, deren Existenz mir ein halbes Jahr vorher noch vollkommen egal war. Ich mag das ja. Aber vielleicht sollte ich mir gelegentlich einen kleinen Zettel auf den Schreibtisch legen: Beruf: Autorin. Nur für den Fall, dass ich es zwischen Druckvorstufe, Newsletterformular und Beschnittzugabe kurz vergesse. 

Apropos Newsletter: Den findest du hier.

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