Es gibt diese Tage, an denen plötzlich alles ein bisschen leichter ist. Man wacht auf und hat gut geschlafen. Die Sonne scheint. Jemand sagt etwas Lustiges. Man sitzt mit einem Menschen zusammen, den man mag, isst Kuchen und stellt irgendwann fest: Ich hatte gerade einen richtig schönen Nachmittag. Wenn die Zeit davor schwierig war, bekommt so ein Moment schnell eine Aufgabe. Vielleicht geht es jetzt endlich aufwärts. Vielleicht bin ich darüber hinweg. Vielleicht wird es jetzt wieder gut. Das wäre natürlich schön. Vielleicht war aber auch einfach Dienstag und der Kuchen war hervorragend.
Nicht jeder gute Moment ist ein Wendepunkt
Ich glaube, wir erzählen unser Leben gern als Entwicklung. Vorher ging es mir schlecht. Dann passierte etwas. Danach ging es mir besser. Das ergibt eine schöne Linie. Das wirkliche Leben produziert allerdings ziemlich viele Zacken. Man kann nach einer Trennung einen großartigen Abend haben und am nächsten Morgen wieder jemanden vermissen. Man kann in einer Zeit der Trauer herzlich lachen und zwei Stunden später weinen. Man kann während einer ziemlich beschissenen Woche einen vollkommen wunderbaren Mittwoch erwischen. Der Mittwoch hat dann nicht versagt, nur weil der Donnerstag wieder schwierig wird. Er war trotzdem gut.
Ein schöner Moment muss nichts beweisen
Vielleicht machen wir ihn sogar kleiner, wenn wir sofort etwas aus ihm ableiten wollen. Siehst du, es wird besser. Endlich bist du wieder die Alte. Jetzt hast du das Schlimmste bestimmt hinter dir. Und schon steht der schöne Moment unter Beobachtung. Denn was passiert, wenn es morgen wieder wehtut? War die Freude dann nicht echt? War man doch noch nicht weit genug? Ist man zurückgefallen? Vielleicht gibt es gar nichts, wohin man zurückfallen könnte. Vielleicht war gestern schön. Und heute ist schwer. Beides stimmt.
Man darf lachen, obwohl es einem nicht gut geht
Manchmal fühlt sich ein schöner Moment in einer schwierigen Zeit sogar ein bisschen verdächtig an. Darf ich gerade so viel Spaß haben? Darf ich mich freuen, obwohl jemand fehlt? Darf dieser Abend schön sein, obwohl ich heute Morgen noch völlig verzweifelt war? Natürlich verändert ein Lachen nicht automatisch das, worüber man traurig ist. Ein gutes Essen löst keine Trennung. Ein Nachmittag mit Freunden macht keinen Verlust rückgängig. Aber warum sollte er das müssen? Vielleicht darf Freude etwas viel Kleineres sein. Kein Beweis. Keine Lösung. Keine Botschaft darüber, wie weit man inzwischen gekommen ist. Nur Freude.
Und manchmal geht es tatsächlich aufwärts
Natürlich können gute Tage auch Zeichen einer Veränderung sein. Irgendwann stellt man vielleicht fest, dass sie häufiger werden. Dass zwischen den schwierigen Stunden mehr Platz entstanden ist. Dass etwas, das lange alles ausgefüllt hat, nicht mehr jeden Tag bestimmt. Nur müssen wir das nicht schon beim ersten guten Nachmittag wissen. Vielleicht erkennt man Entwicklungen ohnehin besser im Rückblick. Dann sieht man irgendwann: Ach. Da hatte sich tatsächlich schon etwas verändert. Oder eben nicht. Dann war es trotzdem ein schöner Nachmittag.
Wir müssen aus dem Guten nicht sofort eine Geschichte machen
Vielleicht ist das überhaupt etwas, das ich gern öfter zulassen würde. Nicht jeder Moment muss Teil einer Entwicklung sein. Nicht jedes Gefühl muss erklären, wo ich gerade im Leben stehe. Nicht jeder gute Tag muss beweisen, dass ich etwas überwunden habe. Manchmal ist ein Spaziergang schön, weil die Luft gut riecht. Ein Gespräch, weil jemand einen zum Lachen bringt. Ein Abend, weil das Essen gut ist und niemand irgendwohin muss. Ein Stück Kuchen, weil es Kuchen ist. Das darf reichen. Morgen kann ein anderer Tag sein. Vielleicht ein besserer. Vielleicht ein schlechterer. Vielleicht ein vollkommen durchschnittlicher Mittwoch mit zu vielen E-Mails. Der gute Tag davor verliert dadurch nichts. Er muss uns nirgendwohin gebracht haben. Er durfte einfach gut sein. Vielleicht liegt darin auch eine der merkwürdigsten Eigenschaften unserer Gefühle: Dass Freude nicht bedeutet, dass Traurigkeit verschwunden ist – und Traurigkeit nicht beweist, dass die Freude davor weniger echt war.
Warum mehrere, sogar widersprüchliche Gefühle gleichzeitig wahr sein können, habe ich in „Man kann zwei Dinge gleichzeitig fühlen“ aufgeschrieben. → zum Artikel