Was braucht ein Text, um das zu werden, was er sein will?

Bei Abschied war zuerst Liebeskummer. Nicht die Idee für ein Buch. Nicht ein Format, kein Cover und keine Vorstellung davon, wie viele Seiten das später haben würde. Da war dieses Thema, und ich bin eine Weile darum herumgelaufen. Habe aufgeschrieben, was mir dazu eingefallen ist. Noch einmal anders hingesehen. Eine andere Perspektive ausprobiert.

So sind auch die anderen Teile entstanden, die heute in DANACH zusammengehören. Bei manchen Themen habe ich recherchiert, bei Vielliebe mit Menschen gesprochen und Interviews geführt. Da kam die Journalistin wieder durch. Irgendwann liegt Material vor einem.Und dann kommt eine Frage, die mit dem Schreiben erst einmal wenig zu tun hat: Was mache ich jetzt damit?

Man könnte meinen, die Antwort sei offensichtlich. Ein Text wird eben ein Buch. Aber ein Buch ist bereits eine Entscheidung. Es hat zwei Deckel. Dazwischen liegen Seiten. Es hat ein Format. Und sobald das feststeht, sind erstaunlich viele andere Dinge ebenfalls entschieden. Bei Fernlust wusste ich irgendwann: Das muss quadratisch werden. Ich weiß nicht mehr, an welchem Punkt diese Gewissheit entstanden ist. Aber sie war da. Von da an musste alles, was ich mir ausdachte, in dieses Quadrat passen. Gestaltung, Bilder, Textmengen – und irgendwann die vollkommen unromantische Frage, ob sich das überhaupt dort produzieren lässt, wo ich es produzieren möchte.

Manchmal reichen fünf mal acht Zoll nicht aus, um das zu erzählen, was erzählt werden will. Und manchmal sind fünf mal acht Zoll genau richtig. Das ist ein Teil des Büchermachens, den ich sehr mag:

mit dem Material in Verhandlung zu treten.

Braucht dieser Text ein Buch? Oder wäre er als kleines Heft besser? Als Zine? Als Plakat? Braucht er glattes Papier oder eines, bei dem man die Fasern noch sieht? Muss etwas schwer sein oder leicht? Soll es aussehen, als müsse man vorsichtig damit umgehen – oder darf man es zusammenfalten und in die Jackentasche stecken?

Ich hatte eine Phase, in der ich unbedingt mit transparentem Papier arbeiten wollte. Pergamentpapier. Ich hatte eine genaue Vorstellung davon: graue Pappe, Schreibmaschine, verschiedene Schichten, die übereinander liegen. Dann begann die Recherche. Im Bastelladen bekommt man transparentes Papier. Zehn Blatt. Sehr hübsch. Und zu einem Preis, bei dem das fertige Buch ungefähr dreißig Euro kosten würde und trotzdem aussähe, als hätte ich es am Sonntagvormittag am Küchentisch zusammengebaut. Also sucht man größere Mengen. Und stellt fest, dass man selbstverständlich auch eine Palette davon bestellen könnte. Eine Palette.

Ich mochte die Idee mit dem Pergamentpapier sehr. Nur nicht genug, um für den Rest meines Lebens Pergamentpapier zu besitzen.

Also: anderes Papier. Andere Materialien. Andere Formen.Ich habe Zines gemacht, an Künstlerbüchern gearbeitet, Buchdruck ausprobiert, in Kreuzberg an einer Druckpresse gestanden und bei einem Druckworkshop irgendwann vor einer Maschine gedacht: Was mache ich hier eigentlich? Denn wenn man sich ansieht, wie ein klassisches Buch entsteht, merkt man schnell, dass man gerade versucht, mehrere Berufe zumindest so weit zu verstehen, dass man vernünftige Entscheidungen treffen kann.

Da ist jemand, der den Text schreibt.Jemand gestaltet ihn. Jemand setzt die Schrift. Jemand weiß, wie Farbe, Papier und Druckmaschine miteinander reagieren. Jemand bindet das Ganze.Und bei jedem dieser Schritte gibt es Menschen, die ihr Berufsleben damit verbringen, genau das richtig gut zu können. Ich stehe also manchmal da und versuche, fünf Lehrberufe gleichzeitig ungelernt nachzuahmen.

Dazu kommen Lektorat, Vertrieb, Marketing, Website, Newsletter, Metadaten und die inzwischen offenbar unvermeidliche Situation, dass irgendeine Software einem freundlich mitteilt, man möge bitte alle anderen Dinge einzeln ausschalten und anschließend prüfen, ob das Problem noch existiert. Während ich denke: Ich wollte schreiben.

Auf das Ausschalten von Plugins könnte ich verzichten. Auf die anderen Fragen nicht. Denn die Form ist nicht nur die Verpackung eines Textes. Ein Buch erzählt etwas, bevor jemand den ersten Satz gelesen hat. Wir geben Büchern Bedeutung. Vielleicht gerade hier besonders viel. Goethe, Schiller, Dichter und Denker und ganze Wände voller gebundener Wichtigkeit.

Ein Buch kann einem Text Gewicht geben.

Manchmal ist das genau richtig. Und manchmal ist dieses Gewicht das Problem. Vielleicht braucht ein Thema keine gebundene Bedeutung, sondern etwas Flüchtigeres. Ein Heft. Ein Zine. Ein Blatt Papier, das man auseinander faltet. Etwas, das nicht sagt: Bewahre mich für die nächsten vierzig Jahre im Regal auf.

Diese Frage stellte sich auch bei DANACH. Die Texte waren schon einmal als vier kleine Bände erschienen: Mikroprosa für die Hosentasche. Ich mochte dieses Format sehr. Als ich mich entschied, die Texte neu zu veröffentlichen, war deshalb nicht die Frage, ob ich dieses Format noch mochte. Die Frage war: Ist es noch immer die beste Form für diese Texte? Ich habe die vier Einzelbände als Reihe gedacht und ein neues visuelles Konzept dafür entwickelt. Für Abschied entstand ein Cover, das für mich funktionierte: zeitgemäß, eigenständig und stark genug, um die Grundlage der Reihe zu bilden.

Dann kam der Stresstest. Funktioniert diese Gestaltung auch für die anderen drei Bände? Tat sie nicht. Ich hätte weiter daran arbeiten können. Stattdessen hat dieses „Scheitern“ eine andere Frage freigelegt: Warum müssen es überhaupt vier Bücher sein? Die Texte waren in derselben Phase entstanden. Sie folgten einer ähnlichen Arbeitsweise: ein Thema nehmen, darum kreisen, Perspektiven wechseln, schauen, was sich darüber erzählen lässt. Vier Themen, aber ein gemeinsamer Zugriff auf das, was zwischen Menschen passiert. Vielleicht waren es nicht länger vier Bücher. Vielleicht war die Form, die diese Texte heute brauchten, eine andere. So wurde aus den vier kleinen Bänden DANACH.

Auch beim Cover ging es danach nicht mehr nur darum, etwas zu finden, das gut aussieht. Die Frage war dieselbe: Was braucht dieses Buch? Ich landete bei einem Foto aus Island, das ich selbst gemacht habe und seit Jahren immer wieder anschaue. Schwarzer Sand, raue Landschaft – und darin etwas, das für mich trotzdem nicht kalt ist.

Ich habe mit diesem Foto gearbeitet. Gezeichnet, gedruckt, verändert, auch mit KI experimentiert. Im fertigen Cover ist das Foto kaum noch als klassisches Foto zu erkennen.Aber darunter liegt ein wirklicher Ort. Das war wichtig.

Vielleicht ist das der Teil des Büchermachens, den ich am meisten mag: dass ich die Antwort am Anfang nicht kennen muss. Aber irgendwann muss ich erkennen, welche Entscheidungen der Text von mir verlangt.Ich war vor einiger Zeit in einem großen Materialladen in Berlin. Irgendwann stand ich vor Metallplatten, Drähten und Maschendraht. Ich brauchte nichts davon. Ich habe nur geschaut und gedacht: Ich bin gespannt, welchem Text ich irgendwann begegne, der genau das braucht.

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